„Lernsieg“ – eine App zum Lernen oder Siegen?

Heute startete also die Innovation im österreichischen Schulwesen. Spannenderweise geht diese von einem Schüler aus – in der Zeit von Greta Thunberg, die die Leute bzgl. des Klimawandels aufrüttelte, möchte Benjamin Hadrigan das Schulwesen neu gestalten und vor allem die Lehrer- aber auch Schulbewertung – neu erfinden.

Die App „Lernsieg“ soll der Schlüssel zum Erfolg werden – wenn es nach Hadrigan, einem 17-jährigen Schüler, Unternehmer und Buchautor geht. Aber worum geht es. Der Name lässt ja in meinen Augen wenig vermuten. Soll das Lernen siegen – aber wie soll dabei das Bewerten von Schulen und LehrerInnen mit Sternen helfen? Oder soll der Sieg lernen – da fällt mir eigentlich dann gar keine Assoziation ein.

Nun gut – „Lernsieg“ kurz erklärt: Schulen und deren LehrerInnen aus ganz Österreich können in absoluter Kürze (1-5 Sterne) in folgenden Kategorien bewertet werden: Unterricht, Fairness, Durchsetzungsfähigkeit, Motivationsfähigkeit, Geduld, Vorbereitung, Respekt, Pünktlichkeit. Wer bei der Bewertung nicht die volle Sternezahl von 5 gibt, muss begründen warum – auch das nicht in Worten, sondern mit der Auswahl von vorgegebenen Schlagwörtern. Bestätigt werden die Bewertungen über die Handynummer – dies soll Mißbrauch (wie Mehrfachbewertungen) verhindern. Schulen werden mit dem gleichen System in folgenden Kategorien bewertet: Klassenzimmer, Lehrangebot, Stimmung, Sportanlage, Mensa oder Kantine, Sublierungen, Bibliothek, Sauberkeit, neue Medien, Veranstaltungen, Fridays for Future.

Soweit die Technik – die Reaktionen sind unterschiedlich. Die Euphorie scheint sich aber, wenn man die Bewertung der App (mit Sternen – wie passend) in den Appstores als Grundlage nimmt, in Grenzen zu halten. Im Google Playstore steht „Lernsieg“ bei 2,6 (Stand 19:50 Uhr, 15.11.2019) und im Apple App Store bei 2,5 zur gleichen Zeit.

Die Gewerkschaft hat schon vorauseilend vor der App gewarnt – da war diese noch gar nicht am Markt. Und auch gerichtliche Schritte in den Raum gestellt. Und zwar aufgrund von „Datenschutzrechtlichen Befürchtungen“. Nun ja – diese Bedenken sind sicherlich angebracht, aber der Angst stehe ich zumindest doch recht entspannt entgegen. Nicht weil ich denke, dass es für mich nur die besten Bewertungen regnen wird, aber die Konsequenzen dieser App werden sich sicherlich in Grenzen halten. (Ich hätte hier mehr Angst vor Auswertungen von Ergebnissen von zentralen Reifeprüfungen gehabt – aber auch hier ist in den letzten 4 Jahren nichts passiert). Entwickler Hadrigan erwartet sich durch die App ev. mehr Konsequenzen für Lehrer – ich denke, dass dies wohl kaum der Fall sein wird. Warum auch auf einmal? Spannender fand ich in einem Profilinterview (https://www.profil.at/shortlist/gesellschaft/benjamin-hadrigan-lernen-social-media-10733453, dl 15.11.2019 20.03 Uhr) folgenden Teil:

profil: Gibt es zu wenig Qualitätskontrollen bei Lehrern?
Hadrigan: Es sollte nicht jeder Lehrer werden können. Die Erklär- und Motivationsfähigkeit sollte mehr zählen, als das reine Fachwissen. Lehrer sollten nach den Leistungen ihrer Schüler beurteilt werden und auch kündbar sein. Erst dann kann man von Qualität sprechen. Aber auch Lehrer sollen sich weiterentwickeln können in diesem System – auch sie brauchen Motivation.“

Ja – nicht jeder sollte Lehrer werden. Ja – Fachwissen ist nicht über die Persönlichkeit der Lehrperson zu stellen. Ja – ein Lehrer muss auch über die ersten 5 Jahre seiner Tätigkeit hinaus Gründe und Motivation haben um am Puls der Zeit zu bleiben, an sich zu arbeiten und den Schüler/die Schülerin in den MIttelpunkt seiner Arbeit zu stellen. Und natürlich ist hier die lebenslage Zusage zu einem Job als Lehrer nach 5 Dienstjahren nicht wirklich optimal. Und ja – wahrscheinlich muss man auch die Lanze brechen und über eine Möglichkeit der Kündigung nachdenken (als allerallerletzter Schritt), aber mit Sicherheit kann man nicht erst dann von Qualität sprechen und schon gar nicht zieht aus der drohenden Kündigung jemand Motivation. Aber ja ich verschärfe den ersten Satz dieses Absatzes sogar – nicht jeder/jede darf(!) Lehrer werden. Nur weil er/sie die Universität/PH „aussitzt“ und durchhält.

Abschließend also – JA, es bedarf einer strukturierten Feedbackkultur in österreichischen Schulen. Es bedarf einer Kultur der Belohnung und der Konsequenzen daraus. Natürlich bedarf es auch dem Schutz der Privatsphäre. So gesehen darf man sich durchaus bei Benjamin Hadrigan bedanken – denn in der Zeit von Greta Thunberg bringt jemand Diskussion in ein wichtiges Thema. Auch wenn in meinen Augen die Art und das Wie gar nicht passen. Denn Bewertungen mit Sternen, kein Feedback in Worten, öffentliches Anprangern ausschließlich durch jene, die durch LehrerInnen bewertet werden, führen nicht zu objektiven und aufschlußreichen Rückmeldungen. Verstehen Sie mich nicht falsch – natürlich sollen auch die Erlebnisse der SchülerInnen gehört und in ein Feedbacksystem miteinbezogen werden, aber es kann nicht die einzige Feedbackgrundlage sein. Und hoffentlich hat Hr. Hadrigan mit dieser Arbeit einen Anstoss zu einer derartigen Diskussion geliefert. (Nebenbei sie mir auch erlaubt, dass nirgends garantiert wird, dass die Schulen durch Bewertung von LehrerInnen und ehemalige (positiv gestimmte) SchülerInnen in Rankings nach oben geschleudert werden und LehrerInnen durch Personen bewertet werden, die niemals deren Unterricht besucht haben – sie benötigen ja nur ein Handy).

Ich werde mir aber nun das Buch von Hr. Hadrigan zu Gemüte führen – „#Lernsieg. Erfolgreich lernen mit Snapchat, Instagram und WhatsApp“. Das klingt wirklich interessant für mich als Lerncoach und überbrückt sicherlich das Warten auf den ersten (halben) Schritt auf dem Weg zur Feedbackkultur.

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